Predigt am 2. Oktober 1999 in der Kreuzkirche Bonn
(Erntedankfest)


Gehen Sie auch im Herbst so gerne spazieren?

Ein starker Wind zerrt an den Haaren, Blätter werden vor Ihren Füßen aufgewirbelt; Sie haben den Kragen der Jacke hochgeschlagen. Zwischen dicken Wolken bricht sich plötzlich ein Sonnenstrahl Bahn und taucht das bunte Laub an den Bäumen in warmes Licht, alles leuchtet golden und rot. Die Felder sind abgeerntet, über letzte Stoppeln gleitet der Blick weit in den Himmel, der blau-grau einen kurzen Schauer ankündigt und, an einer Stelle aufgerissen, ein fernes Dorf anstrahlt und den Hahn auf der Kirchturmspitze blinken läßt. Ein Hund schnüffelt unter dem Laub, und irgendwo am Horizont zieht ein Drache seine Kreise.

Sie haben Lust, stehen zu bleiben, für Momente die Zeit anzuhalten, den Wolken auf ihrem Weg in die Unendlichkeit zuzuschauen, die Arme auszubreiten und mit der Schöpfung aufzuatmen. Augenblicke des Werdens und Vergehens und des Wieder-Werdens sind es, die Sie erleben, Augenblicke, in denen alles Alte noch nicht ganz vergangen und alles Neue erst noch zu erahnen ist. Augenblicke, in denen es spürbar wird, was es heißt, Teil der Schöpfung zu sein, Gott zu danken und seinen Geist zu atmen. Die Welt um uns herum, sie dreht sich zu einer Melodie des Lobens und des Dankens, sie seufzt ihrem Schöpfer entgegen und läßt sich zusammen mit uns in seine Arme fallen. Der Wind spielt diese Melodie, das raschelnde Laub gibt den Takt vor, die Sonne setzt die Pausenzeichen, und das, was Sie am lautesten hören, ist das Rauschen Ihres Blutes und das Schlagen Ihres Herzens und das Lachen Ihrer Sinne und das Atmen Ihrer Seele. Und was Sie fühlen ist - Leben.

Gehen Sie auch so gerne spazieren im Herbst?

Der morgige Sonntag steht im Zeichen des Dankens. Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde, wird gedankt für diese seine Schöpfung, die uns leben läßt. Gutes Korn, volle Trauben, leuchtendes Obst werden auf oder vor den Altären aufgebaut sein, um zu zeigen, wie vielfältig Gottes Werk ist, wie er für uns Menschen sorgt, wie er uns Vieh und Land gibt und erhält, um uns zu beschenken und zu erhalten. Ein weiteres Jahr steht bevor, in dem wir uns keine Sorgen zu machen brauchen, unser tägliches Brot zu erhalten, in dem kein Hunger und Elend auf uns warten werden. Gott sei Dank gibt es für uns keinen Grund, uns um unser Überleben Gedanken machen zu müssen.
Daß dies nicht überall so ist, daran erinnert uns der Predigttext des Sonntages. Beim Propheten Jesaja ist zu lesen:

... Text Jes 58, 7-12 ...

Dem Hungrigen das Brot brechen, den ohne Obdach ins Haus führen - wer von uns tut dies schon? Von dem, wovon wir zuviel haben, dem anderen, der zu wenig und manchmal auch nichts hat, abgeben, ihm etwas schenken, von unserem Leben ihm sein Überleben sichern, das ist nicht üblich, schon gar nicht selbstvertändlich. Was habe ich mit dem Bettler zu tun, der mir die Tür zum Münster aufhält, mir einen schönen Tag wünscht, obwohl ich ihm keine Mark in den McDonalds-Cola-Becher gelegt habe? Was habe ich mit der alten Frau zu tun, die ihre ganzen Habseligkeiten auf einen Einkaufswagen geschnallt hat und deren Schlafsack geklaut worden ist? Was geht mich der Junkie an, der mich im Bonner Loch anredet um ein paar Pfennige, angeblich zum Telefonieren? Was kümmert mich der tote Penner, der die kalte Nacht trotz Fusel und der Samstagsausgabe der FAZ nicht überlebt hat? Es gibt doch genug soziale, diakonische Einrichtungen, die sich um all diese Randgruppen kümmern, oder etwa nicht?

Gehen Sie auch im Herbst so gerne spazieren?

Wie unangenehm, wenn sich in die kalte Brise ein Gestank aus Schnaps und ungewaschenen, abgerissenen Kleidern mischt; wie peinlich, wenn unter dem Laub Abfallreste versteckt sind, Wohlstandsmüll, und statt einem Hund die Stadtstreicher nach dem Brot des Lebens suchen; wie übel, wenn der Blick über die abgeernteten Felder nicht in den blau-grauen Himmel geht, sondern in das Obdachlosenasyl, wo es penetrant riecht und Suppe geräuschvoll gelöffelt wird; wie schrecklich, wenn sich der kurze Schauer in einen Peitschenschlag verwandelt. Wie entlarvend, wenn morgen an den Altären all die Hungernden und Elenden ständen und sich einforderten, daß wir mit ihnen das Brot brechen und sie in unsere Häuser aufnehmen. Da schicken wir doch lieber einen Scheck für die Hungernden in Katastrophengebieten, geben eine großzügige Spende in den Klingelbeutel für die so zahlreichen Erdbebenopfer in diesen Tagen. Anonym, weit entfernt von uns selbst, mit einer Quittung fürs Finanzamt bitteschön.
Aber das Elend, das vor unserer Haustür liegt, der Hunger, der direkt nebenan danach schreit, gestillt zu werden - sie sind zu nah, als daß wir sie mit all unserem Weitblick noch sehen wollten und könnten. Aber sie schleichen sich ein, in unser Gewissen, sie verderben uns den guten Geschmack am Luxus, selbst schon an unserem Genug, sie werfen Schatten auf unsere Sonnenseite des Lebens.

Daß dies nicht christlich ist, brauche ich nicht zu predigen. Daß wir uns alle ganz anders benehmen müßte, ist schon so oft gesagt worden, und auch ich habe mich nie daran gehalten. Es war schon so oft Thema, daß es natürlich gut und wichtig ist zu spenden, daß aber zur Nachfolge noch mehr gehört. Und morgen an den Altären, da werden sie ja alle nicht stehen und an unser Christsein appellieren. Die Armut in unserer Stadt wird wie immer da sein, wo sie vermeintlich hingehört: vor dem Münster, im Bonner Loch, in irgendeiner Suppenküche.
Doch da gibt es noch eine andere Armut, ein anderes Elend, einen anderen Hunger. Den im Herzen und in der Seele und im Gemüt. Nach Liebe und Zuneigung, nach Wärme und Zärtlichkeit, nach Zusammen und Aufrichtigkeit. Ihn, diesen Hunger, ihn können wir nicht einfach ins Bonner Loch verdammen oder mit einer dünnen Suppe abspeisen. Er bleibt, und er ist noch viel unangenehmer, weil er Teil von uns ist und Teil eines jeden um uns. Und sie werden morgen an den Altären stehen und uns anklagen: Ihr habt nichts von Eurem Herzen geben, nichts von Eurer Wärme, Eurer Zärtlichkeit; ihr habt uns verhungern lassen und uns in unserem Elend vergessen: keine ausgestreckte Hand, kein gutes Wort, kein Blick, der aus der Einsamkeit entläßt. An den Altären werden sie stehen, all die wirklich armen Menschen, mit denen wir kein Brot gebrochen und die wir nicht in unser Haus gelassen haben: das Kind aus dem dritten Stock, das so oft weint; die alte Frau von nebenan, die wir schon seit Tagen nicht mehr vor die Tür haben gehen sehen; unseren Partner, dem wir so lange schon nichts Nettes mehr gesagt haben; unsere Eltern, denen wir noch nie so richtig Danke gesagt haben; den Menschen neben uns in der Kirchenbank, von dem wir nichts wissen außer vielleicht seinem Namen; all die Menschen, die Einalß in unser Herz gesucht haben, und denen wir mit einem abwehrenden Lächeln die Tür gewiesen haben; all diejenigen, die hungrig zu uns kamen und denen wir nicht einmal die Brotkrumen gönnten, die bei uns vom Tisch fielen.

Gehen Sie auch so gerne im Herbst spazieren? Wie traurig, wenn der Wind nur noch kalt ist und ein leises Lied der Einsamkeit singt; wie furchtbar, wenn das Rascheln der Blätter der einzige Laut um uns ist und uns Angst macht; wie müde wir sind vom Laufen im Regen, wie öde und wüst die Landschaft über den Stoppelfeldern; wie allein wir sind, nachdem der Hund aufgehört hat zu schnüffeln und zu seinem Herrchen gelaufen ist. Wie einsam die Welt, in der es nur noch uns gibt.

"Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden läßt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag."

So einfach könnte das sein. Niemanden unterjochen, nicht mit Fingern auf jemanden zeigen, niemanden ausgrenzen, an den Rand drängen; den Hungrigen das Herz finden lassen, nicht, daß er es aussaugt, sondern daß wir im Gleichtakt schlagen und er von meiner überschüssigen Kraft zehrt; den Elenden sättigen, nicht daß ich dabei verhungere, sondern mein Genug teile und immer noch genung habe. So einfach könnte das sein, und wie hell wäre es in uns und in unserer Welt. Wie heil wären wir alle, weil wir die Wunden der anderen nicht vertiefen, sondern zu heilen helfen. Wie heil wären wir, weil dann auch unseren Wunden Heilung widerfahren würde, Wunden, die unseren Körper übersäen und in unserer Seele Narben hinterlassen. Wir könnten, wie es der Bibeltext sagt, ein Wasserquell sein, der unaufhörlich sprudelt und Leben schenkt, wir könnten Wüstes und Leeres zum Blühen und zur Fülle bringen und viel mehr schaffen, als wir für uns allein je sammeln könnten.
Es könnte so einfach sein, morgen an den Altären nicht nur Trauben, Obst und Brot niederzulegen, sondern auch Wärme und Nähe, ein Lächeln, einen Dank, ein Lob, eine streichelnde Hand, ein aufmunterndes Wort, einen Blick in unsere Seele. Es könnte so einfach sein, morgen an die Altäre all die Hungernden und Elenden zu laden und zu sprechen: Kommt, wir brechen mit Euch unser Brot und geben Euch Obdach; es könnte so einfach sein, all die an Leib und Seele Verwundeten in die Arme zu schließen und damit auch unseren eigene Hunger und unser eigenes Elend zu stillen. Wir müssen gar nicht einmal alle in unsere Häuser laden, es reichte ja schon, wenn wir ab und an die Tür zu unserem Herzen aufschließen würden.

"Dann wist du rufen, und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich."

Es ist so einfach bei IHM. Er ist da in unserem Hunger, er ist da in all unserem Elend. Wenn wir an seinen Altar treten, dann sättigt er uns und schenkt uns Obdach; er gibt uns bei sich ein Zuhause, indem er bei uns ist. Wir müßten es ihm nur nachtun. Etwas von dem weitergeben, was wir von ihm empfangen haben; bei den Elenden und Hungernden sein und sie so bei uns sein lassen. ER schaut nicht darauf, wie abgerissen unsere Kleider sind, wie lange wir uns schon nicht mehr gewaschen haben; ER sieht nicht danach, wieviel Sünde wir begangen haben; ER sorgt sich, wenn wir weinen oder er uns tagelang schon nicht mehr aus dem Haus hat gehen sehen. ER ist bei uns in all unserer Dunkelheit und erleuchtet sie. Es ist so einfach bei IHM, weil er liebt.

Die Liebe ist das Geheimnis, jedes Elend und jede Form von Armut zu verhindern, denn Liebe macht phantasievoll, macht offen für neue Ideen, macht sensibel für Nöte und Sorgen, schenkt ein warmes Herz und zaubert das Lächeln auf unser Gesicht, das alles und jeden einschließt und von sich weg weist hin auf den anderen.

Gehen Sie auch so gerne spazieren im Herbst, wenn der Wind weht, das Laub raschelt und sich plötzlich durch dichte Wolken ein Sonnenstrahl Bahn bricht und alles in Gold und Rot taucht? Wenn ein Hund unter dem Laub schnüffelt und in weiter Ferne ein Hahn auf einer Kirchturmspitze blinkt? Wenn alles von reifem Leben erfüllt ist, die Ernte eingefahren und das Gefühl so stark, daß man sich gar keine Sorgen mehr zu machen braucht? Wenn Sie morgen spazierengehen, dann bringen Sie doch einmal Ihr Opfer an Gottes Altar in dieser wunderbaren Natur. Stellen Sie sich mit offenen Armen hin und loben und danken Sie unserem Schöpfer für seine Gaben. Nicht einmal, nicht nur an diesem Tag, dem Erntedank, sondern alltäglich. Es muß uns in Fleisch und Blut übergehen, dieses Loben und Danken - und dieses Arme-Öffnen, daß alle Hungernden und Elenden unser Herz finden und gesättigt werden. Schauen Sie mal nach dem Kind aus dem dritten Stock, der alten Frau von nebenan, Ihrem Partner, dem Menschen neben sich in der Kirchenbank; schauen Sie mal nach dem Mann, der Ihnen am Münster die Tür aufhält und der Frau, die all ihre Habseligkeiten auf einen Einkaufswagen geschnallt hat. Es wäre schon so viel, wenn wir ihnen zulächeln würden, sie alle als Mitgeschöpfe ansähen und verstünden, daß Gottes Schöpfung, für die wir morgen danken wollen, allen gilt.

Gehen Sie auch so gerne spazieren im Herbst? Ja? Dann spüren Sie das Rauschen Ihres Blutes und das Schlagen Ihres Herzens und das Lachen Ihrer Sinne und das Atmen Ihrer Seele. Dann fühlen Sie es, das Leben. Dann: Gott sei Dank!

Amen.